Lady Gagas Karriereknick: Divendämmerung

Endet die Ära der weiblichen Pop-Superstars? Ob Katy Perry oder Miley Cyrus, die großen Alben des Herbstes verkaufen sich schlechter als erwartet. Nun erreicht die Krise den klügsten Popstar seiner Generation: Lady Gaga.

Eigentlich hätte es ein guter Tag für Lady Gaga sein können, dieser schöne Londoner Spätsommermontag, als sie den europäischen Teil der Markteinführungskampagne ihres neuen Albums „Artpop“ startete. Vor der Tür des Hotels verkleidete Fans, im Foyer Journalisten aus aller Herren Länder, die auf ihre kostbaren Minuten mit dem Star warteten. Es war scheinbar wie immer.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Vielleicht war die Sängerin ja einfach nur bekifft, sie betrat den Raum jedenfalls in einer deutlichen Wolke aus Grasgeruch. Die Antworten, die sie gab, waren etwas wirr, und sie verteidigte sich, ohne angegriffen worden zu sein. Sie redete von Andy Warhol, über die Performance-Künstlerin Marina Abramovic und davon, dass die Kunst den Pop übernehmen müsse.

Lady Gaga, 27, oder Stefani Germanotta, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, machte den Eindruck einer Künstlerin, die unter mächtigem Druck steht und darüber den Kompass verloren hat, nach dem sie ihre bisherige Karriere so überaus sicher ausgerichtet hatte.

Knapp zwei Wochen ist es nun her, dass „Artpop“ erschienen ist. In den deutschen Charts ist das Werk nur auf Platz drei eingestiegen, hinter Eminem und einem Live-Album der Rolling Stones. Und für die USA weisen die einschlägigen Indikatoren darauf hin, dass sie nur recht knapp an die Spitze der Charts kommen wird. Ihre ersten beiden Alben hatten das noch mühelos geschafft, verkauften sich millionenfach.

Sie ist nicht die einzige Pop-Künstlerin mit solchen Problemen. Keines der großen Pop-Alben dieses Herbstes hat die großen kommerziellen Erwartungen bisher einlösen können. Nicht Katy Perry und das Verarbeitungswerk ihrer Ehescheidung „Prism“, das in den USA lediglich 287.000 Stück in seiner ersten Woche verkauft hat. Und überraschenderweise nicht einmal Miley Cyrus – obwohl sie die im Augenblick wahrscheinlich sichtbarste Frau der Welt ist. Ihr Album „Bangerz“ verkaufte trotzdem nur 270.000 auf dem amerikanischen Markt. Das ist nicht sonderlich viel – selbst das jüngste Britney-Spears-Album verkaufte noch über 400.000 Stück in seiner ersten Woche.

Omnipräsent sein, ohne zu nerven

Dabei hatte es zu Anfang des Jahres für die Musikindustrie noch so gut ausgesehen: Zum ersten Mal seit 15 Jahren waren die Umsätze nicht weiter geschrumpft. Die Digitalisierung, die dieser Branche schwer zugesetzt hat, schien bewältigt. Und nun das: Das Album, jahrzehntelang der wichtigste Umsatzbringer der Musikindustrie und das zentrale Zeichen eines Künstlers, wirklich etwas zu sagen zu haben, scheint nicht mehr zu funktionieren. „Labels sind nicht mehr im Plattengeschäft, sie sind im Star-Geschäft“, schreibt das amerikanische Branchenblatt „Variety“.

Der Pop der vergangenen gut 15 Jahre wurde von weiblichen Stars beherrscht. Britney Spears, Christina Aguilera, Beyoncé Knowles, Rihanna, Katy Perry, Miley Cyrus – und Lady Gaga. Es war Musik, die von weiblicher Identitätsfindung in einer Welt erzählte, in der die Gleichberechtigung zwar noch nicht endgültig erkämpft, aber doch in greifbarer Nähe ist. Das spiegelte sich im Aufstieg und Fall und scheinbaren Wiederaufstieg von Britney Spears genauso wie in der Königinnen-Werdung von Beyoncé. Es war Pop, der von Hitsingles getragen wurde, die die dazugehörigen Alben in die Charts trugen.

Vor allem fiel die Ära der weiblichen Superstars aber mit der Krise der alten Musikindustrie zusammen und dem Aufstieg der sozialen Medien. Die alten Popstars wie David Bowie in den Siebzigern oder Madonna in den Achtzigern hatten es noch mit einer Öffentlichkeit zu tun gehabt, die sich im Rhythmus von Wochenmagazinen über den neuesten Klatsch und Tratsch informierte. Oder aus dem Musikfernsehen. Diese Zeiten sind vorbei. Popstars müssen heute rund um die Uhr, überall auf der Welt wirken. Und dabei die Kunst beherrschen, omnipräsent zu sein, ohne auf die Nerven zu gehen.

Was allerdings ziemlich genau das ist, was Lady Gaga macht. Niemand bespielt die sozialen Netzwerke mit ähnlichem Geschick wie sie, ohne dabei dumm oder anbiedernd zu werden. Sie ist der klügste Popstar ihrer Generation.

Vor der Tür des Londoner Hotels stehen etwa Mädchen mit Muscheln im Haar. Gaga hatte das am Vorabend so getragen – weil sie Botticellis „Venus von Milo“ verkörpern wollte, sagt sie. Überdreht, aber wirksam. So kommuniziert man in den sozialen Netzwerken: Man setzt ein einfaches Symbol in die Welt, jeder Fan kann es für sich benutzen, sich seinen Reim drauf machen.

Und in Gagas Reich geht die Sonne niemals unter. Wenn die Blogger in Japan ins Bett gehen, fängt man in Europa an, Gagas Twitter-Account zu checken. Sie hat ihren russischen Fans (von denen viele schwul oder lesbisch sind) bei ihrem Konzert in Moskau gesagt, sie könnten im House of Gaga sein, wie und was sie wollten. Es war kurz nach der Verabschiedung der russischen Anti-Homosexuellen-Gesetze. Inzwischen wurden die Veranstalter ihres Auftritts in St. Petersburg auf deren Grundlage verklagt.

Sie hat ein Konzert in Jakarta absagen müssen – Islamisten hatten Proteste angekündigt, 50.000 Karten waren schon verkauft, das Konzert zu veranstalten erschien nicht sicher genug. Das ist die Welt des globalen Pop, die Musik spielt längst nicht mehr nur im Westen.

Sie hat den Ruhm – doch was soll sie damit anfangen?

Was läuft nun falsch? Neigt sich die Ära der großen weiblichen Stars wirklich dem Ende zu? Im Fall von Lady Gaga ist das Problem offensichtlich. Sie möchte etwas anderes als ein normaler Popstar sein – nur was, das ist unklar.

„The Fame“, ihr Debüt von 2008, verband Kunst, Underground, Glaubwürdigkeit und den großen Erfolg mit einer grandiosen Geste. Es war eine Platte voller Hits, die gleichzeitig die Celebrity-Kultur feierte und verabscheute, widersprüchlich wie großer Pop nun mal ist. Es war eine Musik, die einladend war, offen für die Welt, neugierig und schlau.

Fünf Jahre später braucht Gaga die Kunst, um sich vor der Welt zu verstecken, um sich Bedeutung abzuholen, die sie alleine nicht mehr zu erschaffen vermag. „The Fame“ lebte von der Gier nach einer jungen Frau nach eben diesem Ruhm. Nun hat sie ihn, und ihr fällt nichts ein, was sie mit ihm machen könnte.

Es gibt eine Möglichkeit, Platten zu verkaufen, ohne dass sie voller Hits sind: Man muss etwas zu erzählen haben. Das hat Gaga offensichtlich auch, sie weigert sich nur, es in ihre Songs zu gießen.

David Bowie, Lady Gagas großes Vorbild, ließ auf dem ersten großen Höhepunkt seiner Karriere 1973 die Kunstfigur Ziggy Stardust sterben, auf offener Bühne, nicht einmal seine Band war eingeweiht. Es war ein gewagter Schritt, Bowie tat ihn, um zu neuen Ufern aufbrechen zu können.

Ob Gaga sich Ähnliches vorstellen könne? „Nein, ich bin all die verschiedenen Figuren“, sagt sie. „Bowie hat seinen Stil nicht aus Marketing-Gründen verändert. Er hat sich verändert, weil er es wollte. Manche Leute wollen nicht, dass ihre Popstars sich verändern. So ein Popstar bin ich aber nicht. Ich habe viele Aspekte, alles ist Lady Gaga.“

So reden Politiker, die sich für eine Wahlniederlage rüsten.

http://www.spiegel.de/kultur/musik/lady-gaga-und-pop-in-schwierigkeiten-artpop-enttaeuscht-a-934251.html

Kommentar: wieder IN YA FACE… GÖTTERDÄMMERUNG… und es geht nicht um geld… es geht um eure SEELE
die verschenken die musik wenn sie keiner mehr kauft… geld spielt keine rolle

POP musick

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